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Das pädagogische Konzept Freiarbeit

Freiarbeit ist eine Arbeitsform, die auf dem Prinzip des selbstorganisierten Lernens beruht.

Die Schülerinnen und Schüler erledigen ihren für sie individuell zusammengestellten Arbeitsplan, entscheiden jedoch selbst darüber, wie schnell sie arbeiten, ob sie alleine, mit Partner oder in einer Gruppe arbeiten und in welcher Reihenfolge sie die Aufträge erledigen. Damit ein Lernender mit diesen Freiheiten umgehen kann, muss er sich selbst richtig einschätzen und für sich folgende Fragen beantwortet haben: Welchem Lerntyp gehöre ich grundsätzlich an? In welcher Tagesverfassung befinde ich mich gerade? Brauche ich heute Ruhe zum Arbeiten oder komme ich mit einem Partner bzw. in einer Gruppe besser voran? Wie lang sind meine Leistungsphasen, wann brauche ich eine Pause?

Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen fördert die Fähigkeit der Kinder, das eigene Lernen selbst zu organisieren und Verantwortung dafür zu übernehmen.

Den Kindern gefällt diese „andere“ Stunde gut, da sie sich hier in einem neuen Rhythmus erleben können. Die Rückmeldungen der Eltern sind äußerst positiv und äußern den Wunsch nach Ausbau dieses Konzeptes.

Das Material folgt den Prinzipien der Selbsterklärung und der Selbstkontrolle. Es ist oft als Spiel oder ansprechende Übung aufbereitet. Die Regale im Freiarbeitszimmer sind nach Fächern (Deutsch, Englisch, Mathematik, Geografie). Jedem Material liegt eine „Leitkarte“ bei, die den richtigen Umgang mit diesem schildert. Am Ende einer Übung kann ein Kind selbst die Richtigkeit des Ergebnisses kontrollieren. Die Kinder lernen, dass Schummeln sinnlos ist, da sie sich lediglich selbst betrügen. Erledigte Übungen werden im Berichtbogen notiert, die entstandenen Texte im Freiarbeitsordner abgeheftet. Der Lehrer korrigiert die Texte und gibt sie zum Überarbeiten an die Schüler zurück.

Der Lehrer nimmt in der Freiarbeitsstunde die Rolle des Beobachtenden und Begleitenden ein: Er beobachtet das Arbeitsverhalten der Kinder und ist Ansprechpartner für Fragen, verweist jedoch wenn möglich auf die selbstständige Problemlösung durch die Kinder. Er kann sich den Kindern zuwenden, die seine Aufmerksamkeit suchen und brauchen. Der Lehrer plant die Arbeitsprozesse und wählt aus, welche Aufgaben  ein Kind lösen soll. Auf diese Weise arbeitet jedes Kind an seinen „Baustellen“.

Die Regeln, die einer Freiarbeitsstunde zugrunde liegen, wurden in der Vorbereitungsphase mit den Kindern besprochen. In der Freiarbeit gilt beispielsweise das Prinzip: „Wer arbeitet, darf nicht gestört werden“. Das bedeutet, dass ein Kind von niemandem angesprochen werden darf, während es sich konzentriert mit einem Material beschäftigt. Um dieser Haltung Nachdruck zu verleihen, wurde ein „Absoluter-Stille-Raum“ eingerichtet, in dem nicht gesprochen werden darf. Die Erfahrung zeigt, dass einzelne Kinder diesen Raum gezielt und regelmäßig aufsuchen, da sie erkannt haben, dass sie in dieser Atmosphäre am besten arbeiten können.

Andere in ihrer Anstrengung achten und respektieren zu können, ist einer der „heimlichen“ Erfolge der Freiarbeit. Eine weitere Regel heißt: „Eine begonnene Arbeiten muss zu Ende geführt werden“ oder „Das Material muss sorgfältig behandelt und nach der Arbeit wieder am richtigen Platz abgelegt werden.“

Der Arbeitsplan Im Arbeitsplan finden sich Aufgaben zu Stoffgebieten, in denen der einzelne Schüler noch Bedarf zum Üben oder Festigen hat. Ein Arbeitsplan umfasst einen Zeitraum von etwa 3 bis 4 Wochen. Er wird vom Lehrer so zusammengestellt, dass das Kind das Pensum ohne Zeitdruck erfüllen kann und für die übrige Zeit selbst passendes Übungsmaterial für sich auswählt. Gelingt es dennoch nicht, das vorgegebene Pensum zu bewältigen, bespricht der Lehrer mit dem einzelnen Kind, welche Gründe dazu geführt haben, dass das angestrebte Ziel nicht erreicht wurde. Da mit dem nächsten Arbeitsplan auch die nächste Chance auf eine gelingende Planung folgt, kann ein solches Vorgehen als Einüben eines selbstorganisierten Lernens der Schülerinnen und Schüler gesehen werden.

Eine Freiarbeitsstunde möchte den gebundenen Unterricht nicht ersetzen! Sie definiert jedoch eine Lernhaltung und kann ihn fachlich vertiefen, vorbereiten und erweitern.

Freiarbeit ermöglicht Binnendifferenzierung, da das Lernen individualisiert wird. Kinder mit schneller Auffassungsgabe können sich aus den angebotenen Materialien immer neuen „Nachschub“ holen. Langsamer arbeitende Schülerinnen oder Schüler lernen nach ihrem eigenen Tempo, ohne dadurch unter Druck zu geraten. Kinder mit Förderbedarf üben durch ihren Arbeitsplan genau an der Stelle, an der sie den nächsten Schritt leisten können. Überdurchschnittlich leistungsfähige Kinder können sich Themenbereiche über das normale Soll hinaus erarbeiten. Da in den Freiarbeitsstunden immer alle Kinder an verschiedenen Themen arbeiten, gibt es hier kein Ranking, welches vergleicht, wer auf welchem Anforderungsniveau arbeitet bzw. wer schon mit seinen Aufgaben fertig ist und wer noch nicht. Damit wird einer Konkurrenzhaltung und der Haltung des Vergleichens entgegengewirkt.

Historisch gesehen ist Freiarbeit eine Form des „Offenen Unterrichts“, der seine Wurzeln in der Reformpädagogik hat. Maria Montessori (1870 - 1952) entwickelte  Prinzipien des freien Arbeitens, indem sie Kinder beim Lernen beobachtete. Sie stellte fest, dass jedes Kind seinen eigenen „Entwicklungs-Fahrplan“ hat. Darin gibt es „sensible Phasen“, in denen ein Kind besonderes Interesse für ein Themengebiet entwickelt und hier besonders nachhaltig und intensiv lernen kann. Aufgabe der Schule sei es deshalb, eine geeignete Umgebung für diese Lernphasen jedes einzelnen Kindes bereitzustellen. Da sich jeder Lern-Fahrplan vom anderen unterscheidet, ist es sinnvoll, jedem Kind die Entscheidung darüber, was es wann, wie schnell und mit wem zusammen lernt, selbst zu überlassen. Das hier vorgestellte Freiarbeitskonzept vereinigt Montessoris Grundsätze mit den Vorgaben unseres gymnasialen Systems.

Freiarbeit am Kurfürst-Friedrich-Gymnasium

Seit dem Schuljahr 2010/11 führen wir in einigen 5. und 6. Klassen einmal wöchentlich eine Freiarbeitsstunde in hierfür ausgestatteten Zimmern durch. Ob eine Klasse am Freiarbeitskonzept teilnimmt, entscheidet der jeweilige Fachlehrer.

Das Konzept ist für die Mittelstufe ausbaufähig. Hier müsste der Schwerpunkt auf der Projektarbeit und der Präsentation von Wissen liegen. In der Oberstufe mündet eine solch veränderte Haltung gegenüber dem eigenen Lernen zur Abitur- und Studienfähigkeit.

Dr. Annegret Lösener, November 2017